Service-Wohnen plus Pflegekraft auf Abruf: Das Modul-Modell
Ihr Vater lebt seit vier Jahren allein in seiner Wohnung. Er kocht noch selbst, liest jeden Morgen die Zeitung und will vom Begriff Pflegeheim nichts hören. Nur die Kompressionsstrümpfe bekommt er morgens nicht mehr an, die Tabletten geraten durcheinander, und seit dem Sturz im Bad im letzten Winter schlafen alle in der Familie schlechter als er selbst.
Genau in dieser Zwischenzone setzt ein Wohnmodell an, das viele Seniorenresidenzen inzwischen anbieten: eigene Wohnung, eigener Rhythmus, aber professionelle Hilfe, die auf Zuruf kommt. In der Praxis läuft es unter Namen wie Modul-Modell, Bausteinsystem oder Pflege nach Bedarf.
Eine Pflegekraft auf Abruf ist dabei kein Notbehelf, sondern eine bewusst gewählte Organisationsform. Statt eines Komplettpakets buchen Bewohnerinnen und Bewohner nur die Leistungen, die sie tatsächlich brauchen, und behalten die Kontrolle darüber, wer wann in ihre Wohnung kommt. Dieser Ratgeber erklärt, wie das Modell aufgebaut ist, wo seine Grenzen liegen und welche Fragen Sie vor der Unterschrift stellen sollten.
Kurz und knapp: Beim Modul-Modell wohnen Seniorinnen und Senioren in einem eigenen Apartment im Service-Wohnen und buchen Pflegeleistungen einzeln dazu. Die Basis bildet meist ein Betreuungspaket mit Hausnotruf und regelmäßigem Kontakt, alles Weitere wird als Baustein abgerufen. Abgerechnet wird nach tatsächlich erbrachter Leistung; bei anerkanntem Pflegegrad übernimmt die Pflegekasse einen Teil davon als Pflegesachleistung nach Paragraf 36 SGB XI. Das Modell passt gut zu niedrigem und mittlerem Hilfebedarf und wird bei hohem, täglich wiederkehrendem Bedarf oft teurer als eine vollstationäre Lösung. Entscheidend ist der Blick in den Vertrag: Was steckt in der Grundpauschale, was kostet extra, und wie schnell ist nachts jemand vor Ort? Verträge, die Wohnraum und Betreuung koppeln, fallen in der Regel unter das Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG).
Wie das Modul-Modell im Service-Wohnen funktioniert
Sie mieten eine Wohnung und kaufen Pflege in klar abgegrenzten Portionen dazu. Rechtlich stehen dahinter meist zwei bis drei Vereinbarungen: ein Miet- oder Nutzungsvertrag für das Apartment, ein Betreuungsvertrag mit einer Grundpauschale und eine Leistungsvereinbarung mit dem Pflegedienst, der im Haus arbeitet. Werden Wohnraum und Betreuung in einem Paket überlassen, greift das WBVG mit seinen Informations-, Form- und Kündigungsregeln.
Die Grundpauschale deckt in der Regel das ab, was rund um die Uhr vorgehalten werden muss: Hausnotruf, eine erreichbare Präsenzkraft, Vermittlung von Terminen, oft auch Hausmeisterdienst und Veranstaltungen. Alles, was direkt am Menschen geschieht, wird gesondert vereinbart. Dadurch entsteht ein Kostenbild, das mit dem Hilfebedarf mitwächst, statt von Beginn an auf Vollversorgung ausgelegt zu sein.

Diese Bausteine lassen sich einzeln abrufen
Die Module folgen fast immer der Logik der Pflegedokumentation und lassen sich deshalb gut mit den Leistungen der Pflegekasse verrechnen. Welche Bausteine ein Haus anbietet, unterscheidet sich im Detail, die Grundstruktur ähnelt sich jedoch stark.
| Baustein | Was dahintersteckt | Typischer Rhythmus |
|---|---|---|
| Körperpflege | Hilfe beim Waschen, Duschen, Anziehen, Hautpflege | täglich oder mehrmals wöchentlich |
| Medikamentenmanagement | Stellen der Wochenbox, Erinnerung, Kontrolle der Einnahme | wöchentlich plus tägliche Kontrolle |
| Behandlungspflege | Verbandwechsel, Injektionen, Kompressionsversorgung auf ärztliche Verordnung | nach Verordnung |
| Mahlzeitenbegleitung | Anreichen, Trinkprotokoll, Begleitung ins Restaurant | täglich bis punktuell |
| Nachtdienst und Notruf | Reaktion auf Hausnotruf, nächtliche Kontrollgänge | rund um die Uhr vorgehalten |
| Soziale Betreuung | Begleitung zu Terminen, Gespräche, Gruppenangebote | nach Vereinbarung |
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Leistungen, die ärztlich verordnet werden, und solchen, die Sie frei zubuchen. Behandlungspflege läuft über die Krankenkasse, Körperpflege und Betreuung über die Pflegekasse oder als Selbstzahlerleistung.
So sieht ein typischer Tag mit Pflegekraft auf Abruf aus
Der Alltag bleibt der eigene, die Hilfe setzt punktuell an. Morgens kommt die Pflegekraft zum vereinbarten Zeitfenster, hilft beim Anziehen der Strümpfe und kontrolliert die Tablettenbox. Danach ist der Tag frei gestaltbar: Frühstück im Restaurant, Gymnastikgruppe, Besuch der Enkel, Nachmittag im Garten.
Am Abend folgt je nach Vereinbarung ein zweiter kurzer Besuch. Dazwischen läuft die Sicherheit über den Hausnotruf. Genau diese Taktung ist der Unterschied zur Pflegestation: Nicht der Dienstplan gibt den Rhythmus vor, sondern die Absprache. Wer flexibel bleiben möchte, sollte im Vertrag prüfen, wie kurzfristig sich Zeitfenster verschieben lassen und ob dafür Gebühren anfallen.

Was die Pflegekasse übernimmt und was Sie selbst zahlen
Im Service-Wohnen gelten die Regeln der ambulanten Pflege, nicht die der vollstationären Versorgung. Das hat spürbare Folgen für die Finanzierung. Mit anerkanntem Pflegegrad können Sie unter anderem auf folgende Leistungen zurückgreifen:
- Pflegesachleistungen nach Paragraf 36 SGB XI, wenn ein zugelassener Pflegedienst die Module erbringt
- Pflegegeld nach Paragraf 37 SGB XI, wenn Angehörige einen Teil selbst übernehmen, auch anteilig als Kombinationsleistung
- Entlastungsbetrag nach Paragraf 45b SGB XI für Betreuungs- und Haushaltsleistungen
- Zuschüsse für Pflegehilfsmittel und Hausnotruf nach Paragraf 40 SGB XI
- Verhinderungs- und Kurzzeitpflege, wenn die Versorgung vorübergehend nicht ausreicht
Nicht durch die Pflegekasse gedeckt sind Miete, Nebenkosten, Verpflegung und die Betreuungspauschale. Diese Posten tragen Sie in voller Höhe selbst. Reichen Einkommen und Vermögen nicht aus, kommt Hilfe zur Pflege nach dem SGB XII in Betracht; das Schonvermögen liegt dabei nach Paragraf 90 SGB XII bei 10.000 Euro pro Person. Wie der Antrag läuft, lesen Sie im Ratgeber Hilfe zur Pflege beantragen.
Eine kostenfreie Einordnung Ihres Falls bekommen Sie über die Pflegeberatung nach Paragraf 7a SGB XI. Der Anspruch besteht unabhängig davon, für welches Wohnmodell Sie sich entscheiden.
Modul-Modell oder Pflegestation: der ehrliche Vergleich
Das Modul-Modell gewinnt bei Selbstbestimmung, die Pflegestation bei Versorgungsdichte. Beide Formen haben klare Stärken, und die Entscheidung fällt fast immer über den täglichen Hilfebedarf.
| Kriterium | Service-Wohnen mit Pflege auf Abruf | Vollstationäre Pflegestation |
|---|---|---|
| Wohnform | eigenes Apartment, eigener Schlüssel | Pflegezimmer im Stationsbereich |
| Tagesrhythmus | selbst bestimmt, Termine nach Absprache | an Dienstplan und Stationsablauf orientiert |
| Abrechnung | Miete plus Pauschale plus Einzelleistungen | einheitlicher Eigenanteil plus Unterkunft und Investitionskosten |
| Leistungsrecht | ambulant, Paragraf 36 ff. SGB XI | vollstationär, Leistungszuschlag nach Paragraf 43c SGB XI |
| Reaktionszeit nachts | abhängig von Präsenzdienst im Haus | Fachkraft dauerhaft auf der Station |
| Passt bei | niedrigem bis mittlerem Hilfebedarf | hohem, durchgehendem Pflegebedarf |
Ein finanzieller Aspekt wird oft übersehen: In der vollstationären Pflege sinkt der pflegebedingte Eigenanteil mit der Wohndauer, weil der Leistungszuschlag nach Paragraf 43c SGB XI in Stufen von 15, 30, 50 und 75 Prozent steigt. Im Service-Wohnen gibt es diesen Mechanismus nicht. Wer absehbar viele Jahre mit hohem Bedarf lebt, sollte das in die Rechnung einbeziehen.

Für wen sich das Modell eignet und für wen nicht
Je planbarer der Hilfebedarf, desto besser passt das Bausteinsystem. Die folgende Gegenüberstellung hilft bei der ersten Einschätzung.
Gut geeignet ist das Modell, wenn:
- der Hilfebedarf auf wenige, wiederkehrende Handgriffe begrenzt ist
- Selbstbestimmung und Privatsphäre hohen Stellenwert haben
- Angehörige oder ein Partner einen Teil der Betreuung übernehmen
- der Gesundheitszustand stabil ist und sich langsam verändert
Kritisch wird es, wenn:
- mehrmals täglich und auch nachts Hilfe nötig ist
- eine fortgeschrittene Demenz Orientierung und Eigenschutz einschränkt
- häufige Notfälle kurze Reaktionszeiten verlangen
- die Summe der Einzelmodule den Preis der Vollversorgung übersteigt
Bei einer beginnenden Demenz lohnt sich ein früher Blick auf den weiteren Verlauf. Hinweise dazu finden Sie im Ratgeber Demenz-Diagnose: Residenz suchen oder warten.
Diese Fragen klären Sie vor der Unterschrift
Der Unterschied zwischen einem guten und einem teuren Modul-Modell steckt im Kleingedruckten. Nehmen Sie die folgenden Punkte zur Besichtigung mit:
- Welche Leistungen sind in der Betreuungspauschale tatsächlich enthalten?
- Gibt es eine Preisliste für alle Module, und wie oft wird sie angepasst?
- Wie schnell ist nachts eine Fachkraft im Apartment, und wer hält den Dienst vor?
- Sind Sie an den hauseigenen Pflegedienst gebunden oder frei in der Wahl?
- Was passiert bei kurzfristiger Verschlechterung, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt?
- Besteht ein Anspruch auf einen Platz auf der Pflegestation im selben Haus?
- Wie sind Mietvertrag und Betreuungsvertrag miteinander verknüpft?
- Welche Kündigungsfristen gelten für beide Seiten?
Lassen Sie sich die Antworten schriftlich geben. Mündliche Zusagen bei der Hausführung sind im Streitfall wenig wert.
Wann der Wechsel auf die Pflegestation ansteht
Das Modul-Modell ist eine Lebensphase, kein Dauerzustand für jeden Verlauf. Typische Signale für einen Wechsel sind mehrere nächtliche Einsätze pro Woche, wiederholte Stürze, eine deutlich steigende Zahl gebuchter Module und eine spürbare Überlastung der Angehörigen.
Klären Sie deshalb bereits beim Einzug, ob das Haus einen internen Wechsel ermöglicht und wie die Warteliste organisiert ist. Residenzen mit beiden Bereichen unter einem Dach ersparen im Ernstfall einen kompletten Umzug in eine fremde Umgebung.
Häuser mit Service-Wohnen und angeschlossener Pflege finden Sie in unserer Übersicht: Seniorenresidenzen in Ihrer Nähe vergleichen. Weitere Entscheidungshilfen sammeln wir im Ratgeber-Bereich.

Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Pflegekraft auf Abruf konkret?
Es bedeutet, dass keine dauerhafte Betreuung im Apartment stattfindet, sondern eine Pflegekraft zu vereinbarten Zeitfenstern oder nach Notruf kommt. Die Sicherheit rund um die Uhr wird über Hausnotruf und Präsenzdienst hergestellt.
Zahlt die Pflegekasse die Module im Service-Wohnen?
Ja, sofern ein Pflegegrad anerkannt ist und ein zugelassener Pflegedienst die Leistungen erbringt, werden sie als Pflegesachleistung nach Paragraf 36 SGB XI abgerechnet. Miete, Verpflegung und Betreuungspauschale bleiben Eigenanteil.
Ab welchem Pflegegrad lohnt sich das Modul-Modell nicht mehr?
Eine feste Grenze gibt es nicht, denn entscheidend ist der tatsächliche Bedarf und nicht die Einstufung allein. Als Faustregel gilt: Sobald mehrfach täglich und regelmäßig nachts Hilfe nötig ist, wird die vollstationäre Versorgung meist sinnvoller.
Gilt für den Vertrag das WBVG?
Wenn ein Anbieter Wohnraum zusammen mit Pflege- oder Betreuungsleistungen überlässt, greift in der Regel das Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz. Daraus ergeben sich unter anderem Informationspflichten vor Vertragsschluss und Formvorgaben für Entgelterhöhungen.
Kann ich den Pflegedienst frei wählen?
Das hängt vom Vertrag ab: Manche Häuser arbeiten ausschließlich mit einem eigenen Dienst, andere lassen externe Anbieter zu. Fragen Sie diesen Punkt vor der Unterschrift ausdrücklich ab, weil er Preis und Flexibilität stark beeinflusst.
Wie viel Vorlauf braucht ein Wechsel auf die Pflegestation?
Innerhalb desselben Hauses ist ein Wechsel oft kurzfristig möglich, wenn ein Platz frei ist. Sicherheit gibt nur eine schriftliche Regelung im Vertrag, deshalb sollte dieser Punkt beim Einzug geklärt werden.
Wo bekomme ich unabhängige Beratung?
Die Pflegekassen sind nach Paragraf 7a SGB XI verpflichtet, eine kostenfreie Pflegeberatung anzubieten. Ergänzend beraten Pflegestützpunkte und die Verbraucherzentralen zu Vertragsfragen.
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